Widerwärtige Doppelmoral

Wie sagte schon meine Großmutter? „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe!“ Und sie hat diese Einstellung abgrundtief verachtet. Geht aus ihr doch diese Form der Doppelmoral hervor, die es erlaubt, die Dinge – gerade so wie es einem passt – von zwei Seiten zu bewerten; und das ganz ohne logische Basis.

So wie auch in diesem Fall. Denn wie es zu erwarten war, reagiert der Großteil der Politik und der Medien auf den Mord an der 19-jährigen Studentin Maria Ladenburger eben genauso wie es zu erwarten war.

Ob ein Sigmar Gabriel, den vor allem die Sorge um die Verunglimpfung seiner Schützlinge umtreibt oder ein ehemaliges Nachrichtenportal, jetzt eben zum Meinungsportal verkommen, das grundsätzlich dazu verpflichtet ist, sachlich neutral aufzuklären, dies in diesem Fall aber wegen „nur regionaler Relevanz“ eben nicht tut – eines eint all diese Stellungnahmen und Vorgehensweisen: die unerträgliche Doppelmoral, wenn es um das „richtige“ Opfer geht.

Ich erinnere mich noch an den Fall der 23-jährigen Studentin Tuğçe Albayrak, der vor fast genau 2 Jahren auf deutschlandweites Interesse stieß. Nachdem die junge Frau an ihren Verletztungen verstorben war, sah es tagelang so aus, als würde die polit-mediale Kaste in einem dauerhaften Empörungszustand verweilen. Angesichts der Brutalität und Sinnlosigkeit der Tat kein Wunder – aber in Anbetracht der jetzigen Umstände eben so dermaßen moralisch verkommen, dass es – mich zumindest – einfach nur anekelt.

Denn auch hier – so wie es zu erwarten war – ist es gekommen. „Gewaltverbrechen gibt es in jeder Bevölkerungsgruppe“; „die „Nazis“ nutzen den Mord an Maria zu ihrem Vorteil“; „keine Pauschalverurteilungen“; „Mord hat es schon immer gegeben“, „Männer sind immer Schweine, egal, woher sie kommen“ usw. usf.

Mag das ein oder andere „Argument“ auch tatsächlich korrekt sein (das letzte defintiv nicht!), so zeigt es doch auf, wie manche Menschen mit zweierlei Maß messen und sich dabei auch noch moralisch überlegen fühlen. Gab es bei der ermordeten Tuğçe Albayrak Menschenketten, tagelange Berichterstattungen, Trauerzüge und eine medial begleitete Trauerfeier, so ist es bei der getöteten Maria brüllend still.

Und hier stellt – muss sich die Frage stellen: WARUM IST DAS SO?

Ist ein Opfer wertiger als ein anderes? Ist ein weißes Opfer niedriger zu werten als ein nicht weißes? Würde man diese Fragen einem Großteil der etablierten Politiker und Medienvertreter stellen, so würde aller Wahrscheinlichkeit nach ein Jeder diese Frage mit einem strikten „Nein!“ beantworten. Denn die Bejahung der Frage 1 würde gegen gegen die Gleichheit der Menschen vor dem Recht verstoßen, die Bejahung der Frage 2 wäre sogar eindeutig rassistisch.

Und doch ist es so.

Und das ist auch logisch – führt die empörte Verneinung beider Fragen mitten rein in die Seele der Menschen, die Empörung vorschieben, um ihre angebliche Nächstenliebe auszudrücken. Und weil das so ist – und viele der heutigen Zeitgenossen echtes Mitgefühl von purer Heuchelei nicht mehr unterschieden können – kommen diese zutiefst menschenverachtenden Dauer-Relativierer mit ihrerm widerwärtigen Schaupiel durch.

So wie dieser Herr. „Jeder gerettete Mensch sei jedes Risiko wert!“ Hört sich gut an, nicht wahr? Stimmt, aber es hört sich eben nur gut an. In ihrer Logik ist diese Aussage eine ethisch wertlose Aussage.

Aber das erkennen die meisten Menschen nicht. Weil sie die Philosophie dahinter nicht mehr erkennen. Weil sie sich mit oberflächlichen Plattitüden begnügen und nicht wissen (wollen), dass sich hinter diesen Phrasen nichts verbirgt. NICHTS! Nur moralische gähnende Leere. Keine Ethik, kein Mitgefühl, nur Heuchelei.

Das sind die gleichen Leute wie die, die in einem solchen Fall „Hurra“ brüllen. Und in diesem auch.

Was will man von solchen Leuten erwarten? Logische Vorgehensweise etwa? Oder die Fähigkeit in Konzepten zu denken? Oder dass diese Menschen vor Gericht neutral wären?

Wohl kaum. Zumindest niemand mit Verstand. Aber der ist eh schon lange nicht mehr gefragt. Nur das Gefühl zählt. Vor allem das Gruppengefühl. Das kollektivistische Unrechtsgefühl. Und das trügt einen bisweilen böse.

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