Die Zukunft des Liberalismus

Studiert man die Geschichte des Liberalismus, so entfaltet sich eine Welt der Halbwahrheiten und der Missverständnisse. Nur einige wenige definieren den Liberalismus als das, was er wirklich ist – nämlich die Garantie, dass alle Menschen auf humanem Wege zu Wohlstand, Unabhängigkeit und Eigenbestimmung gelangen können. Diese wenigen Menschen verbinden ihn mit einem freundlichen Gesicht; einem, das aufrichtig und von der Überzeugung gekennzeichnet ist, dass das Streben nach Frieden und Freiheit mehr ist als ein Lippenbekenntnis.

Der Liberalismus hat einige Wurzeln in der Antike, auch in der italienischen Renaissance finden sich Hinweise; die eigentliche Quelle des Liberalismus liegt allerdings im England des 17. Jahrhundert. So war es die Partei der Whigs, die in der Revolution von 1688/1689 ihren Widerstand gegen monarchische Willkür zum Ausdruck brachten und bis zur französischen Revolution Träger der liberalen Ideen waren. Die Ideale der Whig-Partei  waren Meinungsfreiheit, die Herrschaft des Gesetzes und das Privateigentum – dies vor allem an den Produktionsmitteln.

Im Kern ging es um Menschenrechte, um die Beseitigung der Macht, die Menschen über Menschen ausüben, also die formelle Gleichheit vor dem Recht. Dies war etwas, was von den Moralphilosophen als DIE Grundvoraussetzung eines friedlichen Miteinanders artikuliert wurde.

Kaum jemand anderes hat den Liberalismus jedoch nachhaltiger geprägt als Richard Cobden (1804 -1865), den Anführer der britischen Freihandelsbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die als Manchester-Kapitalismus diskreditierte Freihandels- und Reformbewegung wird bis heute mit Herzlosigkeit und gnadenloser menschlicher Kälte in Verbindung gebracht, die lediglich den ökonomischen Interessen der Geldmenschen dienlich war. Für Cobden war es hingegen ein Kampf gegen die politisch motivierten Bereicherungsmonopole auf Kosten der Bevölkerung, die vom Land in die Städte strömten, um ihrem sicheren Hungertod zu entkommen.

Der Liberalismus hat es immer schwer gehabt. Tugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ehrgeiz und Selbsterfüllung sind von Eigenverantwortung geprägt und zeigen Unzulänglichkeiten unmissverständlich auf. Der Liberalismus ist aber auch eine Hommage an den Wert des Menschen, an dessen Unverwechselbarkeit und an seinen Stolz. In einer Welt, die durch die Bevormundung einiger weniger geprägt ist, die in einer Anmaßung von Wissen (Friedrich A. von Hayek) der Überzeugung sind, es „besser zu können“ geht die Besonderheit von Individuen nahezu unter.

Eigenverantwortung und Selbstbestätigung formen ganz andere Menschen als die, die auf Lebzeiten von aller Verantwortung ferngehalten und fremdversorgt werden. Die Gemeinschaft besteht aus Individuen und es gibt in der Menschheitsgeschichte nicht EIN Beispiel, in dem Wohlstand dadurch entstanden ist, dass eine Regierung ihn planwirtschaftlich hergestellt hat.

Wir befinden uns heute im Zeitalter des Korporatismus, einer verhängnisvollen Symbiose aus Politik, Finanzwirtschaft und Großkonzernen, die fälschlicherweise den „Auswüchsen“ des (Neo-)Liberalismus  und noch besser – des Kapitalismus – angehängt werden. Die wahren Ideen des Liberalismus wurden leider allzu oft verraten und verkauft.

Ich wünsche mir, dass diese Ideen wieder zum Leben erweckt werden. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die von Eigenverantwortung, Mitgefühl und Freiheit geprägt ist. Eine Gesellschaft, die auf eigenen Beinen steht und nicht glaubt, jemanden zu benötigen, der ihr Leben bestimmt und ständig maßregelnd eingreifen muss. Ich möchte, dass der Liberalismus wieder zu Ehren kommt – denn das hat er verdient. Ich wünsche mir, dass der durch Begriffsverstümmelungen malträtierte und von politischen und wirtschaftlichen Einzelinteressen missbrauchte Liberalismus befreit und eines wunderbaren Tages real wird um dann endlich einmal beweisen zu können, was in ihm steckt. Dass er zeigen kann, wozu Menschen fähig sind, wenn sie über ihr Leben eigenverantwortlich entscheiden, wenn Freiheit mehr bedeutet, als die Auswahl eines Mittagessens oder eines Fernsehprogramms. Wenn Menschen erkennen, dass zum Gewinnen auch das Verlieren gehört, zum Vorteil auch der Nachteil, zum Bequemen auch das Unbequeme und dass dies Freiheit bedeutet. Der Preis für die Freiheit ist niedrig – wir haben lediglich mit unserer Eigenverantwortung zu zahlen.

Quelle: http://sons-of-libertas.com/822/

Bild: Frédéric Bastiat

 

5 Gedanken zu „Die Zukunft des Liberalismus

  1. Ein Beitrag, liebe Frau Kablitz, der auch meinem Verständnis von Freiheit, aber auch meinem Verständnis von einem christlichen Menschenbild entspricht. Gott hat uns als freie Menschen definiert und jedem Freiheit UND Verantwortung für sein eigenes Leben und seine Mitmenschen übertragen. Nicht umsonst haben christliche Denker wie Thomas von Aquin wesentliche Thesen, wie die vom gerechten Preis, entworfen. Große Unternehmer und Liberale waren stellenweise auch große und verinnerlichte Christen, siehe Roland Baader.
    Eine Verfolgung von Liberalen durch Sozialisten, bzw. die heute in jeder Presse, in der Schule – eigentlich überall – gerittene Attacke gegen die Freiheit und deren Menschenbild ist auch immer ein Angriff auf das christliche Menschenbild. Das gibt man zwar nicht zu, doch lässt sich erahnen, wer als nächster drankommt, nach dem Sieg der bunten Toleranz bzw. dem Sieg der Sozialisten. Das darf nie war werden, drum bitte ich Sie: Bleiben Sie im Land!

  2. Eine schöne, klare Darstellung. Bin wieder auf die zu erwartenden „ja, aber…“ gespannt.
    „…Liberalismus befreit und eines wunderbaren Tages real wird um dann endlich einmal beweisen zu können, was in ihm steckt…“
    Bis zum Beginn der scheinheiligen Verdehung des Begriffs durch die Progressiven unter Woodrow Wilson und besonders F.D.R., hatten die US ziemlich „reine“ kapitalistische Strukturen. Ab Clinton, mutierten sie dann zur Wiege der politischen Korrektheit. Heute sind Menschen wie Bastiat und Cobden verkannte „Exoten“. Ich fürchte, die Masse wird noch lange vor dem staatlichen Supermarkt Schlange stehen – das „Tocqueville Paradoxon“ hat erst angefangen zu greifen.

  3. Ich denke, wir sind eher im Zeitalter des Koruptismus angelangt und von dort zum Liberalismus zu kommen ist schier unmoeglich! Doch ich hoffe immer noch, ganz falsch zu liegen mit meiner Meinung!

  4. Zu wünschen wär’s, Frau Kablitz. Nur die Mächtigen heute sind zu mächtig noch, als daß sie sich die Infragestellung ihrer Macht ohne Gegenk(r)ampf gefallen lassen müßten. Immerhin haben sie das ganze „System“ jahrzehntelang so gestaltet, daß es sie in ihrer Abartigkeit dennoch „legitimiert“, schützt, stärkt und gegen ein aufbegehrendes Volk (wenn es soetwas denn nur gäbe…) verteidigt. Alldieweil arbeiten die eigendynamischen Kräfte dieses Status Quo kräftig weiter an der Umerziehung und Hirnwäsche der Massen. Das macht ein Aufbegehren eben dieser nicht gerade wahrscheinlicher.

    Die Menschen, fürchte ich, werden erst bereit sein, umzulernen, wenn sie vor Schmerzen schreien. Und das ist dann a Bisserl spät.

    Dazu kommt die Schwierigkeit einer globalisierten Welt. Daß im Western eine Umdenke eingeleitet wird (hypothetisch mal angenommen), heißt noch lange nicht, daß diese sich gegen den Druck der autoritären Regime in anderen Weltteilen, die dort zu wirtschaftlicher oder auch nur politischer Macht gelangen, behaupten kann. Weder Demokratie noch individuelle Freiheit sind für die Mehrheit der Menschheit das Maß aller Dinge, staatlicher oder kultureller Kollektivismus und religiöse Inbrunst scheinen mir deutlich mehr Attraktivität auf die Menschheit auszuüben. Und die Demokratie, in sich selbst bereits ein durchaus fragwürdiges Konstrukt, ist allerorten auf dem Rückzug: verdrängt durch autoritäre Regime, und im Westen ihres idealistischen Anspruches entkleidet, indem sie sich selbst erodiert. Und selbst dieser Anspruch, gemessen an der Welt, auf die er angewendet wird, ist bereits fragwürdig und mit Vorsicht zu genießen.

    Welche Ausweg ich wüßte? Ich weiß keinen. Ich bin inzwischen völlig ratlos, ich mußte alle meine alternativen Ideen als untauglich aufgeben, eine nach der anderen. Der einzige Ausweg aus dem Status Quo ist der Kollaps. Aber ob’s danach besser gemacht wird, also, da habe ich ganz beträchtliche Zweifel – sind die Menschen der Zukunft etwa anders, neu? Ideale kann ich mir viele vorstellen, und viele Wünsche, wie es denn sein sollte. Aber keine davon überleben auch nur mittelfristig den Zusammenprall mit der harten Realität. So dreht sich alles im Kreis. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, außer das Vergessene (Santayana).

    So bleibt vielleicht nur, in der Tat für sich selbst und sein Leben einzustehen, und dem Vorrang zu geben vor allen Weltverbesserungswünschen. Wie der Schriftsteller und Abenteurer Nikolai von Michalewsky seinen Helden sagen läßt: „Das woran du glaubst, dafür sollst Du leben, und sterben.“ Und der Dichter Lothar Kempter: „Schließe die Augen, / dann wirst du schauen. / Brich deine Mauern, / dann wirst du bauen. / Lerne harren, / dann wirst du gehen. / Lasse dich fallen, / dann wirst du stehen.“

    Soll das heißen, im Kontext der Themen dieses Blogs, daß wir vielleicht aufgeben sollten, zu wollen: die Welt zum Besseren zwingen zu wollen? Statt dessen unseren Lebensweg gehen, ohne Rücksicht darauf, was andere von unserem Gang und Ziel halten, unseren Beweggründen, und daß wir einfach unseren Weg weitergehen – und die Welt und die Menschen mögen unserem Beispiel folgen, oder auch nicht, es muß uns nicht kümmern? Weil’s unser Leben ist und wir nur dieses haben und niemand uns jegliche Konsequenzen, die sich aus unserem Weg ergeben von uns nimmt, vielmehr wir stets und immer die Verantwortung für uns akzeptieren müssen?

    Ehrlich gesagt: ja, ich neige immer stärker dazu zu glauben: ja, genau das heißt es, und absolut nichts anderes.

    Beliebter macht man sich mit solchen Reden nicht. Recht so!

  5. (Auch) ‚hardcore‘ Liberalismuskritik …

    ernstfall.org/2014/06/02/das-traditionelle-ethos-und-die-irrtumer-der-liberalen-islamkritik/

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